40 Jahre GRIPS Theater in Berlin – ein Porträt

Das bekannteste Kinder- und Jugendtheater der Welt feiert Jubiläum

28.10.2009 Nicole Korzonnek

Sozialkritische Bühnenstücke für Kinder und Jugendliche, die sich mit altersbezogenen Problematiken beschäftigen - dafür steht und lebt das GRIPS Theater in Berlin.

Wenn man an das Berliner GRIPS Theater denkt, kommt einem sofort die berühmte musikalische Revue „Linie 1“ von Volker Ludwig und Birger Heymann in den Sinn. Schließlich ist das Stück seit seiner Uraufführung im Jahr 1986 der Dauerbrenner schlechthin und zeigt in Reinkultur, wofür das GRIPS seit jeher steht: Theater, das nicht nur von Jugendlichen handelt, sondern sich thematisch auch mit ihrer Welt und ihren Problemen beschäftigt. Ein Theater eben, das Jugendliche tatsächlich etwas angeht. Und genau das symbolisiert das bekannteste Stück „Linie 1“, in dem eine junge Frau in Berlin ihren Freund sucht und in der U-Bahn (der Linie 1) den unterschiedlichsten Gestalten begegnet. Hoffnung, Sehnsüchte und Rebellion spielen ebenso eine tragende Rolle wie Fremdenhass, Intoleranz und Leid. Es wäre aber verkehrt, das GRIPS Theater ausschließlich mit „Linie 1“ identifizieren zu wollen, denn die Geschichte dieser inzwischen zur Institution gewordenen Einrichtung begann lange vor dem Jahr 1986.

„Theater für Kinder“ im Reichskarbarett

Bereits 1966 einigte man sich im Reichskabarett darauf, gezielt Inszenierungen für Kinder zu machen. So wurde an den Wochenenden eigens ein „Theater für Kinder“ eröffnet, in dem zum Beispiel Märchen wie „Der Teufel mit den drei goldenen Haaren“ kabarettistisch aufbereitet wurden. Ob des großen Erfolges entschloss man sich dann dazu, nicht nur bereits vorhandene Texte zu verwenden, sondern eigens neue Stücke für Kinder und Jugendliche zu schreiben, die sich mit der aktuellen Situation der verschiedenen Altersgruppen auseinandersetzen sollten. Das erste Kinderstück „Die Reise nach Pischepatsch“ wurde 1968 von Volker Ludwig und dessen Bruder Rainer Hachfeld vielbeachtet uraufgeführt. Aber noch war dieses Kindertheater eher harmlos. Es sollte sozialkritischer, kontroverser werden. Schließlich wollte man der Jugend etwas bieten, das direkt aus deren Leben kam. 1969 verfassten Ludwig und Hachfeld „Stokkerlok und Millipilli“, das noch im gleichen Jahr den Brüder-Grimm-Preis erhielt. „Stokkerlok und Millipilli“ kann als das Ur-Stück des GRIPS Theaters angesehen werden, auch, wenn das Theater damals noch nicht so hieß, weil noch immer die Räumlichkeiten des Reichskabaretts genutzt wurden.

Skandal um Aufklärungsstück für Kinder

Daran sollte sich in den folgenden Jahren auch erst einmal nichts ändern. Was sich allerdings änderte, war die gesellschaftliche Wahrnehmung des Theaters. Vor allem die Konservativen liefen Sturm, beschuldigten die Macher, dass sie Kinder förmlich dazu auffordern würden, frech sein zu dürfen. Von Verrohung und Werteverfall war da die Rede, denn immerhin beschäftigten sich Inszenierungen nun auch mit den Themen Emanzipation und Gleichberechtigung. 1971 kam es dann zu einem großen Eklat. Einige Schauspieler der Truppe wollten ein Aufklärungsstück für Kinder erarbeiten, in dem es vor sexuellen Wörtern, die damals noch als Tabu galten, und hemmungslosen Körperbewegungen nur so wimmelte. Bereits die erste Aufführung entwickelte sich zu einem Skandal. Im Folgenden trennten sich die Schauspieler vom Reichskabarett und gründeten mit dem Kindertheater Rote Grütze ihre eigene Bühne, auf der sie Stücke wie „Darüber spricht man nicht“ weiterhin spielten.

Der Name GRIPS entsteht

Obwohl man heute, also 2009, das 40-jährige Jubiläum des GRIPS Theaters feiert, entstand der Name erst 1972, als die Kindertheatertruppe vom Reichskabarett in das Forum-Theater am Kurfürstendamm zog. Man entschied sich letztlich für GRIPS als Namen, weil er zeigte, dass Theater zugleich auch Spaß am Denken ist. Seit damals ist das Logo, das von Jürgen Spohn entworfen wurde, gleich geblieben: Das schwarze Gesicht mit überdimensional großer Nase, das wissbegierig aus einem Karton herausschaut. Neugierig soll man also sein – und über den Tellerrand hinausblicken.

Spielstätten des GRIPS Theaters

Und genau das macht das GRIPS Theater bis heute. Egal, wo es denn spielt. Denn in der Zwischenzeit ist das Theater noch das ein oder andere Mal umgezogen. Inzwischen hat es in Berlin zwei Spielstätten. Der Hauptort ist in der Altonaer Straße 22 am Hansaplatz. Außerdem gibt es noch das GRIPS Mitte im Podewil in der Klosterstraße 68. Die Örtlichkeiten mögen sich geändert haben, die Einstellung des Intendanten Volker Ludwig, der seit der Gründung das Theater leitet und nach wie vor Stücke dafür schreibt, nicht. Direkt soll das Theater sein, auf Augenhöhe mit dem Publikum. Deswegen wird auch nicht auf einer erhöhten Bühne gespielt. Auf ebener Erde wird aufgeführt. Auch erinnert der Saal eher an eine Arena denn an ein klassisches Theaterhaus, können die Zuschauer doch bei Bedarf an allen vier Seiten um die Spielfläche herum sitzen. Können – müssen aber nicht. Die meisten Stücke werden in herkömmlicher Form präsentiert. Nicht zu vergessen, dass vor allem das jugendliche Publikum regelmäßig dazu aufgefordert wird, zu sagen, was sie denn in ihrem Leben so beschäftigt. Schließlich sind das die Themen, die vielleicht schon morgen auf der Bühne vom GRIPS zu sehen sein werden.

Weltweit wichtigstes Jugendtheater

Dieser gesellschaftlichen Aktualität und Ehrlichkeit ist es denn auch zu verdanken, dass sich das GRIPS zu dem weltweit wichtigsten Theater für Kinder und Jugendliche gemausert hat. Von Kritik keine Spur mehr – überall ist man voll des Lobes. Und es gibt Nachahmer: Selbst in Indien wurden schon über 20 GRIPS-Inszenierungen gezeigt. Ein Grund mehr, mit seinem Nachwuchs mal in die Hauptstadt zu fahren und sich vor Ort von dem Phänomen dieses Theaters zu überzeugen (und mitreißen) zu lassen, denn dank des GRIPS bietet Berlin für Jugendliche eine Facette mehr.

Jubiläumsstück „Linie 2“

Passend zum 40-jährigen Bestehen des GRIPS Theaters wurde am 16. Oktober 2009 übrigens die musikalische Revue „Linie 2 – Der Alptraum“ von Volker Ludwig und Rüdiger Wandel uraufgeführt, in der die vergangenen vier Jahrzehnte des Theaters gezeigt werden. Ohne Selbstironie geht das allerdings nicht vonstatten, denn der Protagonist ist ein junger Mann, der seit 23 Jahren in der „Linie 1“ im GRIPS Theater sitzt, und kräftig die Schnauze voll davon hat.

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GRIPS Theater am Hansaplatz, Jan Schenck/GRIPS Theater GRIPS Theater am Hansaplatz
Das weltberühmte GRIPS-Logo, GRIPS Theater Das weltberühmte GRIPS-Logo
 
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